Predigt von Pastor Dr. Wilfried Behr am 1. Sonntag nach Epiphanias, Neujahrsempfang 2016

 

Predigt von Pastor Dr. Wilfried Behr im Gottesdienst zum 1. Sonntag nach Epiphanias mit Interpretationen zur Gestaltung des Lesepultes in der Johanniskirche. (Fotos: Dr. Wilfried Behr, Ute Kröncke)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


Liebe Gemeinde,


Ursprung und Quelle eines jeden Gottesdienstes ist das Wort Gottes. Aus ihm leben wir und wir hören es immer wieder, um daraus Kraft und Trost für unser Leben zu gewinnen. Das Geheimnis des Glaubens kann sich aber auch in Bildern darstellen oder in Kunstwerken Gestalt gewinnen. In unserer Kirche gibt es mehrere Kunstwerke, die uns den Glauben näher bringen können und wollen.  Eines davon möchte ich heute näher in den Blick nehmen, das vom Stader Künstler Synold Klein gestaltete Lesepult, der von 1920 – 1994 gelebt hat.

Synold Klein haben wir hier in Johannis noch weitere Kunstwerke zu verdanken, die Gestaltung der Glocken, den Ständer für die Osterkerze, die Paramente und nicht zuletzt die Sgraffiti an unserem Kindergarten.

Synold Klein war ein Künstler des 20 Jahrhunderts, der seinen eigenen Stil finden musste. Er selbst hat sich als einen Suchenden beschrieben. Kennzeichnend dafür ist, dass er zugleich nach den unmittelbaren Anfängen der Kunst gefragt hat. Beispielsweise, in dem er in Radierungen nach dem Zusammenhang von Licht und Dunkel im Zusammenspiel der Linien gesucht hat. Außerdem hat ihn die archaische Kunst interessiert, also die künstlerischen Anfänge der Menschheit überhaupt, in denen erkennbar wird wie der Mensch ganz unmittelbar einen künstlerischen Ausdruck sucht und sich sein  Geist im Gegenständlichen spiegelt. Wenn man das Lesepult von  weitem betrachtet, mag man sich auch an archaische Zeichen erinnert fühlen.

 

 

Deshalb ist es ja ganz passend, diesen Satz zur Gemeinde hin lesbar zu machen : „Im Anfang war das Wort“.

Nun beschäftigt sich ein darstellender Künstler normalerweise zunächst nicht mit Worten, sondern mit Bildern. Und es ist für ihn in erster Linie eine Aufgabe, Bilder zu suchen und zu finden, die etwas ausdrücken. So hätte man sich vorstellen können, Synold Klein hätte nach einem christlichen Bild, Zeichen oder Symbol gesucht, um sein Lesepult zu gestalten. Häufig hängt ja über der Buchablage noch ein kleines Parament,  um die Lesungen mit Zeichen und Symbolen durch das Kirchenjahr zu begleiten.  Das hat Synold Klein hier nicht getan. Er hat das Wort als Wort belassen, ja alle vier Seiten der tragenden Säule des Lesepultes mit den Anfangsworten aus dem Johannesevangelium beschriftet. Damit hat er für mich selber zeichenhaft etwas ganz deutlich zum Ausdruck gebracht: Gott begegnet uns vor allem im Wort, in dem er zu uns spricht. Also weder nur in Gedanken, noch nur in Bildern, sondern in erster Linie im Wort. Das kann und darf man als Künstler nicht verändern, sondern muss es zunächst einmal so stehen lassen, wie es zu uns gesagt ist.

Es ist gewissermaßen eine unverrückbare Gegebenheit unseres Glaubens und eines jeden Gottesdienstes. Wenn das Wort Gottes nicht mehr im Mittelpunkt eines Gottesdienstes steht, dann ist es kein Gottesdienst mehr. Im Übrigen ist auch dieses Lesepult unverrückbar. Es ist fest im Boden verankert, genauso wie das Taufbecken. Unsere Taufe und das Wort Gottes sind eben die unverrückbaren Grundlagen unseres Glaubenslebens.

Gleichwohl denke ich, hat Synold Klein dieses Lesepult nicht nur gestaltet als jemand der ein Gespür für das Grundlegende des Glaubens hatte, sondern zugleich auch als christlicher Humanist und Künstler, der auch in anderen Ausdruckformen künstlerischer Gestaltung Spuren des göttlichen Geistes gesehen hat.

 

So ist es vermutlich kein Zufall, dass die Verbindung zwischen dem eigentlichen Stand und Aufbau des Lesepultes und der Auflage für das Lektionar als Oktaeder gestaltet wurde.   Der Oktaeder führt uns zurück zur griechischen Philosophie, zu Platon, der darüber nachgedacht hat, wie man mit mathematischen Formeln die Wirklichkeit erfassen kann. Während also der Sockel für das "Wort" steht,  erscheint hier ein Symbol für den reinen Gedanken, mit dem man wesentliche Strukturen der Wirklichkeit erfassen kann. Auch darin kann sich die Wirklichkeit des göttlichen Geistes den Menschen offenbaren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allzu leicht bewegen wir uns darin aber dann auf einer allzu abstrakten Ebene. Mathematische Formeln, geometrische Gebilde können das Herz nicht berühren.  Ganz  unmittelbar spricht uns auch im Wort und in der Rede ein Bild an. Auch Jesus hat in Bildern und in einem Gleichnis zu uns gesprochen. Zu den kürzesten und zugleich eindrücklichsten Bildern gehört das Gleichnis vom kleinen Senfkorn, das zunächst ganz unscheinbar doch zu einem großen Baum wird. So hat Synold Klein dem Wort und dem Gedanken mit der als Baumkrone gestalteten Leseablage dem Lesepult auch ein Bild zugefügt. Dass dieses Bild dem Gottesdienstbesucher normalerweise so nicht gleich sichtbar ist, sondern zunächst und vor allem dem aus der Schrift Lesenden, mag ein weiterer Hinweis sein für den Vorrang des Wortes gegenüber dem Gedanken und dem Bild.

 

 

 

Nun aber zu dem Wort selber, das auf dem Sockel des Lesepultes dargestellt ist. Ute Kröncke hat es für uns in der richtigen Folge abfotografiert, damit wir es Wort für Wort lesen können:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang  bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis“ (Johannes 1,1-5a).

Dies sind die tiefgründigen und  gedankenreichen Anfangsworte des Johannesevangeliums. Wie kaum andere Worte aus der  Bibel haben sie dazu Anlass gegeben, über ihren Sinn und Zusammenhang nachzudenken und sind vielfach Ausgangspunkt gewesen, um nach dem Zusammenhang von Glaube und Vernunft zu fragen. Nicht nur Theologen, auch Philosophen und Dichter haben über den Anfang des Johannesevangeliums nachgedacht. Ich möchte mich nur auf wenige Hinweise beschränken:

Den allerersten Vers kann man in drei Gedankenschritte aufteilen. Genau das hat Synold Klein auch getan. So steht der erste Vers, indem er auf der Frontseite platziert ist, ganz im Mittelpunkt und gibt eventuell mit der hervorgehobenen Dreiteilung auch einen Hinweis auf unseren Glauben an den dreieinigen Gott.  Das könnte zunächst nur als ein zufälliger Zusammenhang aufgefasst werden, entspricht aber doch sehr genau dem, worin es in diesem Wort geht: Wir glauben als Christen an den einen, einzigen Gott. Und begreifen wir Gott nicht als eine unbewegliche Einheit.  In ihm selbst ist eine Lebendigkeit, ja eine Bewegung auf uns Menschen zu erkennbar. Von Anfang an war bei Gott ein Wort. Und indem dieses Wort von Gott ausgeht und zu ihm kommt, erweist er sich als lebendig. In ihm selber ist das Sprechen, das Hören und das Verstehen schon eine Einheit, ein Zeichen für den ewigen Zusammenhang von Gott, dem Vater; Gott, dem Sohn und Gott, dem Heiligen Geist.

Gott bleibt nicht nur bei sich, er will sich selbst zum Ausdruck bringen, von Anfang an: Im Anfang war das Wort. Dieses Wort spricht zu uns ganz unmittelbar und bringt uns Licht und Leben in Jesus Christus, Gottes Sohn. Das ist der Grundgedanke des Johannesevangeliums, das dann im ganzen Johannesevangelium entfaltet wird.

Diesem einen Wort des Vaters sind in der Geschichte Israels und am Anfang der Schöpfung aber schon andere Worte vorausgegangen. So wird gleich zu Beginn des Johannesevangeliums auch an die biblische Schöpfungsgeschichte aus 1.Mose 1 erinnert: „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht“.

 

Diese gedankliche Bewegung zurück an den Anfang der Schöpfung hat Synold Klein in der Gestaltung des Fußes der Lesepultsäule deutlich gemacht. Die Messingformation geht am Fuß in vier Streifen auseinander, die dann den Boden berühren. Sie umformen einen Stein. Wenn das Lesepult insgesamt als ein Baum gedacht ist als Stamm mit einer Baumkrone, dann wären diese vier Ausflüsse Zeichen für die Wurzeln des Baumes. Das ist eine mögliche Sichtweise.  Eine andere, gleichzeitig denkbare wäre der Hinweis auf die vier Urflüsse aus der zweiten Schöpfungsgeschichte.

 

 

 

Eine andere, gleichzeitig denkbare wäre der Hinweis auf die vier Urflüsse aus der zweiten Schöpfungsgeschichte. Synold Klein hat sie auch auf dem zweiten Sgrafitti des Johanneskindergartens festgehalten . In der Bibel heißt es: „Und es ging aus von Eden ein Strom zu wässern den Garten und teilte sich in vier Hauptwasser.“ (1.Mose 2, 10).  Gott hat durch sein Wort die Welt geschaffen. Das lebendige Wasser,  das er strömen lässt, macht aus einem unbewohnbaren Planeten die bewohnbare Erde. Aus Gott selbst strömt das Wasser des Lebens. Im Johannesevangeliums ist dies dann auf Jesus selber bezogen. Dort sagt er: „wer aber von dem Wasser trinken wird,… das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ (Johannesevangelium 4,14).

 

 

Die Wurzeln des Baumes richten den Blick auf den Anfang der Welt, die Baumkrone gibt ein Zeichen auf deren Vollendung. Der Baum ist an wesentlichen Stellen der Bibel zu einem wichtigen Bild geworden. Im Übrigen finden wir auf dem zweiten Sgrafitti des Johanneskindergartens die vier Flüsse in Zusammenhang mit dem Baum des Lebens dargestellt.

 

 

 

 

 

 

Die Buchablage für das Lesepult lässt für mich auch eine Baumkrone erkennen. Diese vorgehensweise kann ein wenig an die kubistische Malerei eines Picasso erinnern, der einzelne Glieder des menschlichen Körpers nur zusammengesetzt hat. So würden wir hier doch auch etwas unvermittelt in das Rechteck hinein gezeichnet die Zweige und Blätter einer Baumkrone finden. Für mich ein deutlicher Hinweis auf das Gleichnis Jesu vom Senfkorn. Dieses rückt noch einmal die Baumkrone besonders ins Bild: „Und Jesus sprach: Wem wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welch Gleichnis wollen wir es vorbilden? Gleichwie ein Senfkorn, wenn das gesät wird aufs Land, so ist´s das kleinste unter allen Samen auf Erden, und wenn es gesät ist, so nimmt es zu und wird größer … und gewinnt große Zweige, dass die Vögel unter seinem Schatten wohnen können.“ (Markusevangelium 4,30-32).

In einem kurzen, ganz unmittelbar eindrücklichen Bild nimmt Jesus hinein in seine Botschaft, sein Wort von Gottes Reich. Auch hier geht es um einen Anfang. Um einen Anfang, der ganz klein und unscheinbar ist. Auch das Wort ist unscheinbar und manchmal ohnmächtig. Aber Jesus vertraut darauf, dass daraus dennoch etwas wächst, ja dass es einmal ganz groß wird. Er hofft, dass in Gottes  Reich einmal alle Menschen ihren Platz in Gottes Gegenwart und Liebe finden werden.  So wie die Vögel, die nicht säen und nicht ernten, in einer Baumkrone ihren Platz finden können. Im Johannesevangelium wird  Jesus dann sagen: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ (Johannesevangelium 14,2). Wenn Gott sein Reich vollendet hat, ist er allen ganz gegenwärtig.

Wenn von der Vollendung der Welt die Rede ist, dann denken wir auch an das letzte Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. In die Baumkrone hinein gebildet kann man auch zwei Flügel erkennen und wenn man den kleinen runden Kreis dazu nimmt, der oben in der Mitte dargestellt ist, kann man sich zugleich ein Engelwesen vorstellen. Dieses Flügelwesen könnte nun auf zweifache Weise ein Hinweis auf das letzte Buch der Bibel sein. Einmal werden im 4.Kapitel der Offenbarung des Johannes vier Flügelwesen beschrieben, die sich im den Thron Gottes gruppieren. Sie haben Flügel und jeweils dazu die Gestalt eines Menschen, eines Löwen, eines Stiers und eines Adlers. Diese vier Wesen wurden später zu den Symbolen für die vier Evangelisten.

 

 

Für Johannes ist es die Gestalt des Adlers. Damit hat Synold Klein unsere Glocke verziert. Es könnte also auch ein weiterer  Hinweis auf das Johannesevangelium sein. Oder eben auch schlicht ein Blick auf die Engel, die im letzten Buch der Bibel als Künder der Gottesoffenbarung immer wieder vorkommen. Wie beispielsweise im 11.Kapitel, wo es heißt: „Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große Stimmen im Himmel, die sprachen:  `Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.´

Wie auch immer es im Einzelnen gedacht sein mag. Ein Kunstwerk lässt ja immer etwas offen. Und dennoch scheint es mir insgesamt schlüssig, sich vorzustellen, dass in der künstlerischen Gestaltung dieses Lesepultes der Bogen vom Anfang zum Ende der Zeit gespannt werden soll. Und als Verbindung, Stamm, Säule und Halt das Wort, das uns hält und trägt auf dem Weg durch die Zeit, das Wort von Jesus Christus, der im Anfang bei Gott war und uns Gottes Liebe voll und ganz offenbart.

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“

Ein letzter Gedanke. Wenn wir das Lesepult insgesamt auch als Darstellung eines Baumes betrachten, dann können wir die Lesungen, die in jedem Gottesdienst von ihm aus gehalten werden, auch so verstehen: Das Wort Gottes, das wir lesen, wird auf und in die Baumkrone hineingelegt, diesem Baum gewissermaßen auf- und eingepropft. Und es hat dann Teil an der göttlichen Lebenskraft, die in diesem Baum wirksam ist.  Aus den göttlichen Quellen steigt das lebendige Wasser  auch hinein in dieses Wort. Wir lesen es, wir hören es und vertrauen darauf, dass Gott auch heute zu uns spricht, und uns auch heute seine Lebenskraft schenkt und nicht nur in uns, sondern auch in der Gemeinde sein Reich wachsen läßt. Amen.