50 Jahre und kein bisschen leise ...

So lautet der Titel, der vom Kirchenvorstand der Johannisgemeinde zum 50. Kirchenfest am 16./17. Dezember 2006 herausgegebenen rund 140-seitigen Chronik. 50 Jahre Johanniskirche - 1956 bis 2006 - werden dem Leser anschaulich und reich bebildert vor Augen geführt: Von der noch wüsten Baustelle bis zur Montage der Uhrzeiger am Kirchturm, von der feierlichen Grundsteinlegung bis zur Schlüsselübergabe. Aber nicht nur die Baugeschichte der "Jubilarin mit Vergangenheit" wird eingehend dargestellt, es kommen auch eine Reihe ehemaliger Pastoren und Zeitzeugen zu Wort, so dass ein Stück Zeitgeschichte unseres Bezirks wieder lebendig wird.


Die Festschrift wird im Gemeindebüro zum Selbstkostenpreis von 4,00 € vorrätig gehalten.


(Eckehard Oldenburg)


Hier eine kleine Zusammenfassung der umfangreichen Chronik von Eckehard Oldenburg:


 


"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer ..."


Sandersweg vor der Bebauung

Dieser Bericht aus der Schöpfungsgeschichte galt - in baulicher Hinsicht - noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts für weite Gebiete des heutigen Bezirks der Johanniskirche. Erst nach 1945, als Stade rund 12.000 Ausgebombte, Vertriebene und Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien aufgenommen hatte, änderte sich das bild grundlegend. Die Einwohnerzahl schnellte von 19.592 im Jahr 1939 auf 31.418 am 01. Oktober 1945 hoch. Für die vielen heimatlos gewordenen Menschen musste daher dringend neuer Wohnraum geschaffen werden, so dass auch im südlichen Stadtgebiet völlig neue Wohnquartiere entstanden.

 

"Alles deutet darauf hin, dass dieses Wohnviertel der Mittelpunkt der großen Stader Vorstadt südlich der Bahnlinie wird. Der Bau der neuen evangelischen Kirche und die Errichtung der großen Volksschule bei den Sanders-Anlagen unterstreichen diese Annahme", schrieb das Stader Tageblatt am 07. Januar 1956. In der damals rund um den Kirchhügel herrschenden allgemeinen Aufbruchstimmung mischte sich nämlich auch bald der Wunsch nach einer neuen geistlichen Heimat. Die St.Wilhadikirche, zu deren Bezirk dieses Gebiet seiner Zeit gehörte, war weit entfernt, ihr schwerer Glockenschlag nur bei günstigen Wind zu vernehmen, in der abgelegenen Ortschaft Hagen schon gar nicht mehr.

Grundsteinlegung
Einmauerung der Kupferkassette

So fasste der St. Wilhadi-Kirchenvorstand nach mehreren früheren Anläufen den Beschluss, aus seinem zweiten Pfarrbezirk eine selbstständige Kirchengemeinde zu gründen und später aus einem neues Gotteshaus zu errichten: die Johannisgemeinde. In der Urkunde zur Grundsteinlegung am 25. September 1955 heißt es (Auszug): "Der jahrzehntelange Zug der Bewohner aus der Altstadt in die weiträumige Hohentorsvorstadt wuchs nach dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs durch den Zustrom vieler tausend Brüder und Schwestern aus dem Osten unseres Vaterlandes in ungeahntem Maße an. So griff der Vorstand von St. Wilhadi zu Stade einen schon durch Jahrzehnte verfolgten Plan auf, in dem von der ehrwürdigen Altstadtkirche zum Teil weit entfernten, aber immer dichter besiedelten zweiten Pfarrbezirk ein neues Gotteshaus zu errichten und den Bezirk später als eine selbständige Tochtergemeinde zusammenzufassen ...". Die Originalurkunde ist in einer Kupferkassette in den Grundstein eingemauert worden, eine Abschrift davon hängt heute in der Sakristei.

Von Anfang an bestand jedoch das Ziel, es nicht mit dem Bau einer neuen Kirche bewenden zu lassen, sondern ihr auch ein entsprechendes Gemeindezentrum anzugliedern. Mit den daraufhin unternommenen umfangreichen Grundstückskauf- und -tauschgeschäften war die St. Wilhadi-Kirchengemeinde als Bauherrin letztendlich in den Besitz eines arrondierten, 8.746 qm umfassenden Baugeländes gelangt, wie es mit seinem 21 Meter über NN liegenden Kirchhügel nicht schöner hätte gefunden werden können, zugleich aber auch ausreichend Platz für zwei Pastorate, einen Gemeindesaal und (späteren) Kindergarten bot.

Bau des Gemeindehauses
Rohbau der Kirche
Rohbau des Altarfensters

Bevor man mit dem Bau der Kirche begann, wurde zunächst das Pastorat 1 mit Gemeindesaal errichtet, das von Pastor Dr. phil. Curt Georgi und seiner Familie im Herbst 1954 bezogen wurde, seiner Zeit noch Inhaber der 2. Pfarrstelle an St. Wilhadi und nunmehr für die 1. Pfarrstelle hier vorgesehen. Schon im Planungsstadium für das umfangreiche Werk zeigte sich, dass der Kirchenvorstand von St. Wilhadi mit seiner Berufung nicht nur als Seelsorger eine gute Wahl getroffen hatte, sondern, da aus dem Hause eines Leipziger Bauunternehmers stammend und damit entsprechend "vorbelastet", auch als Baufachmann, der das Projekt ernergisch und mit Sachverstand vorantrieb." Zum Glück war er oft schneller als die beschlossenen Pläne", erinnerte sich Landessuperintendent Hans Hoyer später.


Als Kirchengebäude wurde vom Wilhadi-Kirchenvorstand ein Bauwerk für den normalen Besuch eines Sonntagsgottesdienstes ausgeschrieben; die Besucher sollten sich in einem eher intimen Raum geborgen fühlen. Aus den eingereichten Vorschlägen entschied man sich für den Entwurf des Architektenbüros Hopp & Jäger aus Hamburg, das nach dem Krieg bereits mehrere Kirchen errichtet hatte und daher auf diesem Bausektor entsprechende Erfahrungen mitbrachte. Der Plan sah einen auf dem höchsten Punkt des Geländes ruhenden, geosteten offenen Glockenstuhl von einer kurzen Spitze bekrönt wird. Gleichwohl ist bei der baulichen Gestaltung auch die Handschrift des Kirchenvorstandes erkennnbar, so dass der Turm nunmehr 41,70 m in die Höhe ragt.


Baustelle innen

Mit welcher Geschwindigkeit man zu Werke ging, zeigt allein die Tatsache, dass die Grundsteinlegung am 25. September 1955 und damit rund zwei Wochen vor (!) der am 07. Oktober erteilten Baugenehmigung erfolgte. Man setzte wohl mehr auf den Segen von oben als den der Behörde. Bereits drei Monate später, am 21. Dezember 1955, wurde das 29,18 m lange, 12,50 m hohe und 11 m breite, an seinem Ostgiebel bis 19,50 m ausladende Kirchenschiff gerichtet. Genau ein Jahr später, am 21. Dezember 1956, fand die mängelfreie Abnahme durch das Bauamt der Stadt Stade statt und schon am nächsten Tag, dem 22. Dezember, die feierliche Einweihung der neuen Kirche unter dem vollen Geläut ihrer vier (gestifteten) Glocken. Zum 01. Oktober 1958 ist sie dann als evangelisch-lutherische Johannisgemeinde zu Stade in die Selbstständigkeit entlassen worden.


Bei der Namensgebung knüpfte man an eine rund 800-jährige Tradition in Stade an, eine Kirche nach dem Lieblingsjünger Jesu zu benennen: Johannis. Bereits die im Mittelalter in der Stadt ansässigen Franziskaner tauften ihre Klosterkirche auf seinen Namen, die Reste im Johanniskloster zeugen noch heute davon. Mit der Übernahme dieser historischen Kirchennennung ist ein alter Name wieder zum Leben erweckt worden und zugleich durch die großartige Zukunftsschau dieses Evangelisten in seiner "Offenbarung" der Bezug zur Gegenwart und Zukunft hergestellt.


Glockenwagen
Kirchweih

Bei der Bauvorgabe war man bemüht, vorwiegend einheimische Handwerker und Materialien einzusetzen. So wurden allein im Turm 100.000 gebrannte rote Ziegel aus Kehdingen verbaut. Ein Gang durch die Kirche zeigt, dass damals gute Arbeit geleistet wurde. Davon konnten sich auch die zahlreichen Besucher des 50-jährigen Kirchweihfestes am 16./17. Dezember 2006 überzeugen. Die solide Konstruktion und zeitlose Architektur haben dazu beigetragen, dass sich die Jubilarin auch nach einem halben Jahrhundert in einem intakten Zustand und immer noch frischen Erscheinungsbild präsentiert: Gestühl, Kanzel und Empore haben ihren freundlichen Ton mit der schönen rotbraunen Färbung der Brasilkiefer bis auf den heutigen Tag erhalten; die über allem schwebende Holzdecke aus Nordischer Kiefer leuchtet oben unverändert in ihrem warmen Goldton und die in einem einheitlich schwachen Beigeton gemauerten Innenwände runden den hellen, einladenden Gesamteindruck harmonisch ab. Die lange Fensterreihe an der Südwand, die geschlossene Nordwand gegenüber und die über dem Ganzen spitz zulaufende hohe Holzdecke lenken den Blick des Eintretenden jedoch unwillkürlich auf das vom Fußboden bis zur Deckenspitze reichende 10 m hohe Altarfenster des Malers und Graphikers Hans-Gottfried von Stockhausen aus Esslingen am Neckar, der zu seiner Zeit zu den bedeutendsten Glasmalern Deutschlands zählte. Das fünffach gegliederte Betonfenster ist durch eingefügte, verschiedenfarbige und unterschiedlich geschliffene Baugläser in ein Leuchtmosaik verwandelt, Christus als Weltenrichter darstellend, der auf den Betrachter zukommt und damit veranschaulicht, was unser Glaubensbekenntnis sagt: "... von dort er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten". Die von Paul Ott aus Göttingen gelieferte Orgel wurde, um der Kirchenmusik und dem Laienspiel bei gemeinsamen Auftritten einen effizienten Platz zu bieten, im Chor neben dem Altar platziert, was seiner Zeit für die Landeskirche wegweisend war für weitere Kirchenneubauten. Es handelt sich um eine moderne Schleifladenorgel mit mechanischer Traktur, die nach einer Generalsanierung in den 80er Jahren wieder frisch und klar erklingt. Aus finanziellen Gründen wurde dieses Instrument, wie auch die Turmuhr, erst zum 31. Oktober 1959 bzw. September 1957 eingebaut.

Damaliges Luftbild, bitte anklicken!

Bei allen Anstrengungen zur endgültigen Vollendung der neuen Kirche hat man aber den ursprünglichen Plan, rund um Johannis ein lebendiges Gemeindezentrum zu schaffen, nicht aus den Augen verloren: Im Jahr 1959 wurde das 2. Pfarrhaus, im Mai 1962 der "Johanniskindergarten" am südlichen Hang des Kirchhügels errichtet, der mit der Johanniskirche direkt gegenüberliegenden Pestalozzi-Grundschule zum Wohle der Kinder partnerschaftlich kooperiert. Zur diakonischen Arbeit mit Kindern gesellte sich aber auch die Fürsorge für alte Menschen, und so konnte alsbald - wiederum durch den rastlosen Einsatz Dr. Georgis initiiert - am Sanders Weg mit dem Bau des "Johannisheims begonnen werden, das am 29. April 1967 eingeweiht wurde. Ihm wurde 2006 das für Stade neue Wohnmodell für Senioren "Wohnen mit Service" angegliedert. Für die Jugendarbeit konnte ein unter Denkmalschutz stehendes Reetdachhaus in der Goldaper Straße erworben und im herbst 1975 als "Goldapeum" seiner Bestimmung übergeben werden. Und um auch in der stark gewachsenen Ortschaft Hagen präsent zu sein, errichtete die Gemeinde dort im Sommer 1999 das dritte Pfarrhaus, dem am Pfingstsonntag 2000 die Einweihung der "Johannisscheune" folgte.

Mit diesen zahlreichen, in fünf Jahrzehnten geschaffenen und mit vielfältigem Leben erfüllten Einrichtungen kann die Gemeinde gefestigt in die Zukunft schauen, auch wenn sie durch die sich abzeichnenden Sparzwänge künftig in ein raueres Fahrwasser geraten sollte. Was könnte dieses Vertrauen besser widerspiegeln als die fünfte Glocke, mit der sich die Johannisgemeinde zum 50. Kirchweihfest beschenkte, und die mit ihrer Aufschrift bei allen Stürmen und Anfechtungen an die schützende Hand Gottes erinnert:


Gravur auf der Glocke

"Auch Wind und Meer sind IHM gehorsam."


Quellenangabe:
50 Jahre Johanniskirche 1956 - 2006
Eckehard Oldenburg in "50 Jahre und kein bisschen leise ..."
- Festschrift zum Kirchweihfest -